Erfahrungsbericht
Das Elternhaus aus der Sicht eines betroffenen Elternpaares
Im letzten Jahr hatten wir Gelegenheit, das Elternhaus mehrmals eine Woche lang
anläßlich der Chemotherapie unserer Tochter kennenzulernen.
Während der Operationsphase waren wir 3 Monate Dauergäste. Mittlerweile haben wir
zwei Kontrolluntersuchungen hinter uns, bei denen wir jeweils eine Nacht im Elternhaus
verbrachten.
Alle Elternehepaare, die wir im Laufe der Therapie kennenlernten, machten sehr ähnliche
Konflikte durch. Am Anfang steht die tödliche Erkrankung eines geliebten Kindes und der
starke Wunsch dem Kind zu helfen, d.h. mit allen Mitteln das Leben des Kindes zu erhalten.
Die medizinische Aufklärung ist sehr intensiv und gut, trotzdem ist jeder Laie von der
Therapie und den vielen Nebenwirkungen, die in Kauf genommen werden müssen,
verunsichert und verängstigt. In dieser sehr schwierigen Situation ist der Austausch mit
anderen Betroffenen,die diese Anfangsphase schon überwunden haben, sehr hilfreich. In
der Klinik ist eine ausgiebige Unterhaltung zwischen Eltern nur eingeschränkt möglich,
da die Chemotherapie und das Wohl des Kindes die Prioritäten setzen.
An dieser Stelle haben wir das ELTERNHAUS als sehr hilfreich empfunden. Es gab die
Möglichkeit zum uneingeschränkten Austausch mit anderen Eltern, auch über Probleme,
die während der Therapie mit Geschwistern, Ehepartnern, Freunden und Verwandten
sowie in Schule und Beruf auftraten.
Eine besondere Hilfe waren die beiden im Elternhaus angestellten Sozialpädagoginnen,
die Kontakte der Eltern untereinander vermittelten, sich intensiv um neue Elternpaare
kümmerten, in schwierigen Therapiezeiten verständnisvoll zuhörten, Spannungen, die
durch verschiedene Lebensweisen und Temperamente entstanden, entschärften und
Konflikte lösen halfen.Bastelarbeiten, z.B. Seidenmalerei, Glasmalerei wurden von
ihnen angeboten und konnten im Werkraum ausgeführt werden. Sogar ein Heimtrainer
zum "Frust abradeln" und zum "Fitbleiben" stand zur Verfügung.
Daß bei der Planung des Elternhauses betroffene Eltern mitgewirkt haben, wird durch die
gute Gliederung der Schlaf-, Wohn- und Spielzimmer und Bäder deutlich. Es ist alles
vorhanden,vom Spielzimmer für Kinder über Fernseher, Radio und Videospiele für
Jugendliche/Erwachsene und eine kleine Bibliothek für Leseinteressierte. Je nachdem, wie
anstrengend ein Kliniktag war, hatte jedes Elternteil die Möglichkeit, auf seine persönliche
Weise abzuschalten und Kraft zu schöpfen für den nächsten Tag. Schon die Lage des
Hauses hat uns viel Streß erspart, denn wir konnten innerhalb kürzester Zeit Lebensmittel-
Märkte und die Klinik erreichen.
Insofern ist das Elternhaus eine unwahrscheinliche Hilfe, diese schwierige Zeit positiv zu
überstehen.
Besonders schöne Erinnerungen haben wir an die Abende, in denen wir in großer Runde in
Küche und Wohnzimmer zusammensitzend Feste oder Abschiede feierten, wenn eine
Familie die Therapie geschafft hatte.
Das Elternhaus und alle Mitarbeiter waren für uns eine sehr wertvolle Hilfe,
diese Zeit positiv zu überstehen.
Linda Vaupel
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