OK Wir verwenden Cookies, um bestimmte Funktionen unserer Website zu ermöglichen. Wenn Sie auf unserer Website weitersurfen, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Von der Elternwohnung zum Elternhaus

Ein persönlicher Rückblick
von Peter Hennig (seit 1986 im Vorstand der Elterninitiative)

„Zu vermieten: 3 Zi. KDB, Nähe Klinikum“ und „Suchen gut erhaltene, gebrauchte Möbel“

Anfang 1986 unterzeichnete die damalige Vorsitzende der Elterninitiative den Mietvertrag für unsere erste Elternwohnung in der Raphaelstraße. In Eigenleistung wurde dort renoviert, gestrichen und gewerkelt. Durch einen Zeitungsaufruf bekamen wir die ersten Möbel, mit weiteren Geldspenden aus dem Ortsteil konnten wir  die Wohnung komplett einrichten. Übernachtungsmöglichkeiten für acht Eltern standen zur Verfügung. Die Entfernung zur Klinik von zwölf Gehminuten lag noch soeben im Rahmen.  Drei Wohn-Schlafräume und eine kleine Küche waren für die Eltern das erste "zu Hause auf Zeit". Ein erster Schritt war getan, und wir waren stolz über das Erreichte.

„Wir brauchen mehr Platz für die Eltern“

Schon 1989 dachten wir erstmals über eine Veränderung nach. Die Elternwohnung war immer häufiger voll belegt, es mussten sogar Gästebetten aufgestellt werden. So kam es, dass wir den Eltern manchmal Absagen erteilen mussten, weil kein Bett zur Verfügung stand.

Deshalb haben wir, der Vorstand, überlegt, was zu tun ist. Eine zweite Wohnung oder sogar ein Haus? Aber wie und wo? Ach, Geld müsste man haben! Also doch kein Haus? Doch, doch aber wir überschlafen das noch mal. Die Probleme mit der Überbelegung der Wohnung blieben. Jetzt ein großes Haus. Was sagt unsere Kasse? Antwort: „So la la“, aber bis wir was gefunden haben, wird schon genug Geld in der Kasse sein. Von nun an war bei allen Gesprächen, Vorträgen und Veranstaltungen unser „Elternhaus“ das Thema. Die ersten Angebote kamen, Besichtigungen wurden gemacht, Preise wurden verglichen. Alles zu teuer!  Also auf ein Neues, der Preis stimmte, aber zwanzig Gehminuten zur Klinik. Nein, nichts für uns. Aber wir suchten weiter.

„Übrigens wir kaufen das Haus“

Das nächste Angebot klangt gut, also ran ans Telefon und Rundruf zur nächsten Besichtigung. Nur fünf Gehminuten von der Kinderklinik, Wahnsinn! Das Haus könnte für uns gebaut worden sein. Was soll es denn kosten? Könnten wir schaffen! Kurze Beratung des Besichtigungsteams: Also, wir kaufen das Haus und der restliche Vorstand muss mitziehen, jetzt oder nie. Neuer  Rundruf bei den Kollegen „Hallo, wie geht’s, übrigens wir kaufen das Haus“.
War das eine Zeit! Ein Wechselbad der Gefühle. Und unsere Mitglieder? Was sagen unsere Mitglieder zum Kauf? Egal, wir machen erst einmal den Vertrag. Am 11. Oktober 1990 unterzeichnen wir den Kaufvertrag für das Haus Kaulbachstraße 10 in Essen-Holsterhausen. Endlich hatten wir „unser“ Haus, zwar komplett vermietet – aber groß. Sieben 40 qm große Wohnungen plus 80 qm Keller und ein ausbaufähiges Dachgeschoss gehörten jetzt uns. Als nächstes mussten die Mieter unterrichtet werden, dazu luden wir alle Mieter. Als wir vor der Haustür standen, war uns ganz schön flau im Magen. Jetzt mussten wir Farbe bekennen, also los, wir klingelten. Die Hausbewohner erwarteten uns schon in der Küche einer Mieterin. Ruhig und gelassen erläuterten wir, was das für ein Verein ist, der dieses Haus gekauft hatte und was wir mit dem  Haus vorhatten. Innerlich waren wir angespannt wie die Stahltrosse einer Hängebrücke. So, jetzt war alles gesagt. Jetzt musste er doch kommen: der Schrei der Empörung über das, was wir tun wollten. Aber nein, erst einmal war Stille, dann sagte jemand „Find ich gut, was sie da machen wollen. Aber wo sollen wir wohnen?“. Viele Fragen gingen hin und her, Antworten blieben wir zunächst schuldig. Alle Mieter wollten mithelfen, neue Wohnungen zu finden. Es gab keinen Zeitplan, aber auch keine Wohnungsangebote!

„Alle Mitglieder haben mit ‚Ja‘ gestimmt“

Dann kam die Jahreshauptversammlung. Unsere Mitglieder  mussten dem Kauf zustimmen, so steht es in unserer Satzung. Was soll ich Ihnen sagen? Alle Anwesenden haben mit „Ja“ gestimmt und so den Kaufvertrag bestätigt.

„Ämter, Telefonate und Genehmigungen“

Im Sommer 1991 wurden erste Kontakte zum Bau- und Wohnungsamt geknüpft. Bis Ende 1992 war „unser“ Haus noch gebunden, da es mit öffentlichen Mitteln gebaut wurde. Wir brauchten die Genehmigung zur Zweckentfremdung, sonst würde nichts aus dem Elternhaus. Intensiver Briefwechsel und zahlreiche Telefonate mit den Ämtern folgten. Dann die mündliche Mitteilung: „Sie bekommen die Genehmigung, aber…  Sie bekommen alles noch schriftlich“, so die Antwort. Welch ein Erfolg bei über 10.000 Wohnungssuchenden in Essen. Wenige Tage später kam der Brief und er entpuppte sich als Volltreffer in meine Magengegend. „Wir erteilen Ihnen die Genehmigung zur… und Sie zahlen 600,-- DM pro Quadratmeter an die Wohnungsbaugesellschaft des Landes“. Wir sollten 170.000,-- DM zahlen, die spinnen ja! Wovon überhaupt, wir hatten erst kürzlich den Kaufpreis überwiesen. Also hingesetzt, telefoniert und den Widerspruch formuliert. Nach weiteren zwei Monaten erklärte sich das Wohnungsamt für nicht zuständig und schickte unsere Unterlagen zum Regierungspräsidenten nach Düsseldorf. Es dauerte einen weiteren Monat, dann kam der Anruf: Wir müssen nicht bezahlen. Stattdessen beginnen wir mit dem Umbau des Hauses. Das Dach musste neu isoliert werden. Die Außenwände erhielten eine Wärmedämmung, einen neuen Putz und Anstrich. Im Mai 1991 erhielten wir die Baugenehmigung für den Umbau. Im Erdgeschoss waren zwischenzeitlich beide Wohnungen frei geworden und im 1.OG die linke Wohnung.  Jetzt wurde gehandelt und die ersten Aufträge vergeben.

„Der Umbau beginnt“

Durch Mithilfe von Wohnungsbaugesellschaften wurden weitere Wohnungen frei. Die ersten Wände wurden durchgebrochen, Türen zugemauert und an anderer Stelle neu gebrochen. Noch waren zwei Wohnungen bewohnt, ein Problem wurde greifbar. Wir bekamen keine Ersatzwohnungen für diese Mieter. Erneut schrieben wir einige Wohnungsbaugesellschaften an. Bei einem Gespräch sollten unsere Probleme besprochen werden. Wenige Tage später sitzen wir vor dem Schreibtisch des Prokuristen. Wir waren neugierig und gespannt, doch der erste Satz unseres Gesprächspartners klingt wie Engelsgesang. „Ich bin vom Vorstand beauftragt worden, Ihnen zu helfen…“ Also ich mache es kurz, zwei Monate später waren alle Wohnungen frei. Es war März 1992, jetzt aber los, Termine mit Handwerkern, Probleme beim Umbau müssen gelöst werden.

„Die Übernachtungszahlen steigen weiter“

Hätte mir im Dezember 1992 jemand vorhergesagt, dass wir das Nachbarhaus kaufen, umbauen und im Oktober 2002 seiner Bestimmung übergeben würden, ich hätte diesen Menschen für verrückt erklärt.  Zwei Jahre planen und umbauen. Ich hatte die Nase voll von Baumaterial, Mustern usw. Der Vorstand wollte wieder ruhig und gezielt arbeiten. Wir „Ehrenamtlichen“ mussten uns in die Rolle der Arbeitgeber einfinden. Die internen Arbeitsabläufe müssten weiter geplant und verfeinert werden. Arbeitszeiten, Urlaubsplanung, Hausbelegung und Restarbeiten im Haus Nr. 10 waren unser Zeitvertreib.

4.600 Übernachtungen im Jahr 1993 zeigten, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Schon kurz nach der Einweihung mussten wir ein Einzelzimmer auflösen, um ein weiteres Büro einrichten zu können.  Es hatte sich gezeigt, dass die Bereiche Hausleitung und Vereinsverwaltung nicht gleichzeitig in einem Büro untergebracht werden konnten. Viele arbeitsreiche Jahre mussten abgearbeitet werden und von Jahr zu Jahr stiegen die Übernachtungszahlen. Belegungsspitzen fingen wir mit einer Wohnung in der Robert-Koch-Straße auf. Immer häufiger wurde die Elternhausbelegung zum Problem. Es gab Zeiten, da war die Belegung der Wohnzimmer zum Übernachten die Regel. Ein weiteres Problem war das „Vereinsbüro“. Eine 20-Stundenkraft und später zwei Teilzeitkräfte und alle Ehrenamtlichen des Vorstandes mussten sich ein Büro teilen. Immer wieder kam es zu Problemen und Wartezeiten.

„Eine Grundstücksmauer bringt den Stein ins Rollen“

Ein weiteres Problem entstand im Garten, es war die Grundstücksmauer zum Nachbargrundstück Kaulbachstraße Nr. 8. Diese Mauer bewegte sich langsam in Richtung Haus Nr. 8 und drohte einzustürzen. So kam es zu ersten Kontakten mit dem Eigentümer des Hauses. Dieser wollte aber keine Sanierung bzw. Neubau der Mauer, es sollte preiswert sein und ohne Baufirma. So kam es lange zu keiner Einigung, aber zu der Bemerkung des Nachbarn: „Kaufen Sie doch mein Haus, dann können Sie bauen, wie Sie wollen“.  Von kaufen konnte keine Rede sein, ohne Geld und „mein“ Vorstand war auch noch nicht so weit. Aber die Belegungszahlen stiegen stetig weiter. Auch die Mauer neigte sich immer mehr. Dann rief sie an, meine Fee aus B.: „Ich habe da… und könnten Sie... ich brauche aber ein konkretes Projekt. Können Sie mir etwas benennen?“ Und ob ich konnte, denn wenn wir das Geld hätten, würden wir das Nachbarhaus kaufen. „Wie viel würde das kosten?“, fragte Frau B. Meine Antwort: „Ca. 700.000 – 800.000 DM“. „Gut, ich brauche jetzt Zeit, aber ich melde mich wieder“. ´Die Belegungszahlen waren 1996 bei 5.300 Übernachtungen und 1997 sogar bei 5.400 und sie stiegen weiter. Im Vorstand wurde der Anruf diskutiert und man höre und staune: „Wenn das Geld kommt, verhandeln wir mit dem Nachbarn.“ Dieser Vorstand war Klasse und das Geld kam tatsächlich. Wir schrieben das Jahr 1997.

„Dann kaufen wir eben das Nachbarhaus“

Kaufverhandlungen begannen, der Nachbar tat sich schwer und redete das Haus schön. Wir gaben uns gelassen, nur nicht drängeln und den Preis nach oben treiben. Unser Notar suchte Lösungen und schrieb mehrere Vertragsentwürfe. Dann war der richtige Vertragstext gefunden und am 14. Dezember 1999 beschloss die außergewöhnliche Mitgliederversammlung den Kauf des Hauses Kaulbachstraße 8. Fast genau  auf den Tag sieben Jahre nach der Einweihung des Hauses Nr. 10 wurden die Weichen umgestellt. Am 24.11.1999 wurde der Kaufvertag unterschrieben.  Am 31.12.1999 feierten wir die Jahrtausendwende im Elternhaus und in dieser Nacht wechselte auch das Haus Nr. 8 den Besitzer, so stand es im Kaufvertrag. Ab sofort waren wir wieder in der Planungsphase. Ein weiteres Büro, ein Besprechungsraum, das ausgelagerte Archiv wieder zurück ins Haus. Mehr Platz für die Eltern und Kinder, ein größeres Spielzimmer und und und. Im Januar 2001 begannen die Umbauarbeiten, die Mieter zogen Zug um Zug aus. Gut zwei Jahre wurde umgebaut. Zwei Nachträge zur Baugenehmigung mussten gestellt und genehmigt werden. Viele Einzelprobleme mussten besprochen und gelöst werden. Eine besondere Herausforderung stellte der Neubau der Garagen und die Stahlkonstruktion zur Überdachung des Hofes dar. Im Zuge dieser Umbauarbeiten wurde dann die Mauer zwischen Haus Nr. 10 und 8 umgebaut. Beim Bau der  Terrasse gab es ein weiteres Mauerproblem. Eine baufällige Mauer zum Haus Kaulbachstraße Nr. 4 drohte unseren Zeitplan und damit die Fertigstellung zu gefährden. Verhandlungen mit dem Nachbareigentümer waren erfolglos, so haben wir diese Mauer mit Spendengeldern finanzieren müssen. Weiterhin musste die Mauer noch einen besonderen Sichtschutz haben, damit die Mieter des Hauses keinen Blick auf krebskranke Kinder hatten, sonst, so der  Eigentümer, sei das ein Grund zur Mietminderung. Trotzdem haben wir im Oktober 2002 10 Jahre Elternhaus Nr. 10 und die Einweihung des Hauses Nr. 8 gefeiert. Am 25. Februar 2003 war dann die Endabnahme durch das Bauamt und die ersten Zimmer konnten bezogen werden. Alle Wünsche und Ziele haben sich erfüllt.

Und seitdem ranken die Äste des Baumes nicht mehr nur über die Fassade des Hauses Nr. 10, sondern auch über die des Hauses Nr. 8.

Glück Auf – Ihr Peter Hennig

Jetzt Spenden